oldbelonging woodpecker, ceramics, optical fibre cable, 2018 picture by Ole Akhøj

HAVARIE,

hair is meant to be loose at one end

 

Ich versuche alle möglichen Stränge einzufangen, fest zuhalten und miteinander zuverknoten. Objekt, Zeit, Dauer, Betrachtungsdauer, Richtung, Leserichtung, Subjekt, Bewegung, etc. pp. und so sehr ich auch weiter beobachte, zitiere und mir selbstgesetzte Strukturen zusammenzimmere, versteife ich mich darauf alles in einer einzigen punktgenauen aus Puzzleteilen aufgebauten Form zu visualisieren. Verstrickt in die Recherche, über einen Steiner gestolpert und auf der Suche nach irgendeiner Erkenntnis, die sich aus dem Tun heraus ergibt, kam mir der lichtzündende Funke einer Kohlenfadenbirne. Nämlich, dass ja das Feuer auch vor dem Streichholz da war. Lächerliche Kategorien, Systeme und Hierarchien lechzen geradezu nach meiner vor Sarkasmus triefenden Leichtigkeit, wohingegen ich selbst ja weiterhin meine Kieferknochen aufeinander presse und mir sage: es muss jedes einzelne Detail geplant sein und Spontaneität ausgemerzt werden. Die vollkommende Unmöglichkeit einer Einigung. In einem Gespräch über nicht erlangte Erkenntnisse und völlige Auflösung von Speziflasche und parasitärem Flechtenbewuchs, sagte ein Freund zu mir: „hair is meant to be loose at one end.“* So war nun endlich der Traum vom Knoten geplatzt. Diese wunderbar simple Metapher schien alle Grenzen aufzubrechen, meine Gedanken durften wieder über die Ufer treten. Und ich war auch nicht mehr die Sonne, was ja schlussendlich für jeden unglaublich erleichternd sein muss, falls einem der Kragen vor Hitze noch nicht zu eng geworden war. Also kommt der Moment, bei dem ich nun, zumindest für einen Augenblick, zu akzeptieren versuche, dass nicht alle Stränge zu einem Knotenpunkt führen können. Ob uns das Haar nun am Ende ausgeht oder nicht, ist sowieso hinfällig.

 

wenn der Mandelkern zum Mandelbrot wird

du denkst es zerbirst dir dein vergoldetes Gehirn,

dann pack dir den Kairos und töte den Kronos.

Irgendjemand bringt dir einen Kürbis

und du weißt wieder was zu tun ist.

Das: über das Licht.

Du weißt nichts davon.

Heute ist der Tag.

this is what they seem to be afraid of.

whitnessing the fractal. 1+1+2+3, unity and harmony.

today must be the day to reach the top. Remember the known.

Move. We'll never now.

 

 

Rosa Violetta Grötschs Werk erinnert in erster Linie

an das postmoderne philosophische Konzept der Rhizomatik,

das seit den 70ern durch Deleuze und Guattari bekannt ist.

Die Rhizomatik beschreibt anhand des Rhizoms, zu griechisch: Wurzel,

das Modell einer anti-hierarchischen Organisation von Wissen.

Guattari nannte diesen Prozess, indem unterschiedliche Systeme in Austausch miteinander treten:  Transversale Beziehungen.

Grötschs raumgreifende Installationen bedienen sich der Querverbindungen, die materielle Hierarchien überspringen beziehungsweise Elemente verbinden.

Ihre Elemente befinden sich auf unterschiedlichen Ordnungsebenen;

keines stellt den Anspruch anderen Elementen übergeordnet zu sein. Jene Ordnung schafft Rosa Violetta Grötsch prozesshaft und intuitiv. Die Frage des Gleichgewichts zwischen und unter den vorkommenden Materialien scheint oberste Priorität zu sein.

Sie sind im Widerstreit mit tradierter Repräsentationspolitik der Materialien.

Somit kommt es vor, dass hochkulturelle Materialen wie etwa Keramik,

als handgeformte und handgroße Formen Anordnungen von Beton, Holz, Gips, Glas, industriell gefertigte Bretter u.Ä. im Gleichgewicht halten, sowie vice versa,

die sogenannten armen Materialen die intelligenten Materialen ausbalancieren.

Sie bedienen sich nicht an einander aber sie fügen sich symbiotisch ineinander ein.

Hier wird gelegt, gelehnt, geklemmt aber nicht fixiert, verschraubt, gebaut.

Die Installationen sind temporäre Gesten, die verschwinden und wiederkehren.

Die Geste als Verweis, losgelöst von Nutzbarkeit, auf eine andere Ökonomie.

Ein Modell eines Ökosystems als Sozialverband; keine Skulptur steht für sich alleine,

sie ist durch ihre Umwelt eingebettet. Materialien sind in dieser Hinsicht kein zielgerichteter Lieferant von hierarchischer Logik, sondern existentiell

in einem strukturellen Geflecht, organisiert und erfahrbar gemacht.

 

Laura Schreiner, 2017

 

 

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